Am Kutter. Via Valentin Heyde.
Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.
(Antoine de Saint-Exupéry)
Es ist Freitag, der 29. Januar 2010, und ich schreibe diese Zeilen live und direkt aus dem Porkcamp.
Bestimmt gibt es aufmerksame Leser, die jetzt einwenden werden, dass das Porkcamp bereits am vergangenen Sonntag zu Ende ging.
Doch wer beim Porkcamp dabei war, der weiss: Nein, es ging nicht zu Ende. Jedenfalls nicht am vergangenen Sonntag.
Im Gegenteil. Es ging immer weiter: In Gesprächen, in Telefonaten, in Gedanken, in E-Mails, in Blogs, in Flickr Streams, in Köpfen, in Herzen.
Das Porkcamp nimmt einfach kein Ende. Weil keiner der Porkcamp-Teilnehmer will, dass es ein Ende nimmt.
Warum?
Ich für meinen Teil habe da ja so eine Theorie.
Klar, man kann bereits im Vorfeld über die Idee eines Porkcamps diskutieren. Man kann die Aufzucht, das Töten, Zerlegen, Verarbeiten und Verzehren eines Schweins aus allen möglichen Perpektiven beleuchten - aus der des Fleischliebhabers, des Kochs, des Vegetariers. Ja, man kann das Porkcamp sogar aus einem globalen Ernährungs-Blickwinkel reflektieren. Man kann themenspezifisch im Netz recherchieren, Youtube-Videos und Weltnachrichten gucken, Blogs und Aufsätze lesen, kurz: man kann Ansicht an Ansicht, Einblick an Einblick, Meinung an Meinung reihen. Die linke Gehirnhälfte macht Überstunden.
Und dann fährt man ins Porkcamp und alles ist anders.
Nicht, weil sich die Probleme der Welternährung oder die Einstellung der Vegetarier geändert haben. Sondern weil man plötzlich feststellt: Hey, da gibt es ja noch eine andere Gehirnhälfte! Eine rechte!
Die Synapsen in diesem Teil meines Gehirns haben ab der ersten Minute Porkcamp dermassen losgefeuert, dass mir noch heute schwindlig ist vor Glück.
Unter den Erkenntnissen, die mir dieses Neuronengewitter vermittelt hat, war eine für mich ganz besonders erhellende:
Für mich speiste sich das große Glück, Teil des Porkcamps gewesen zu sein, hauptsächlich aus einem simplen Prinzip. Eines, das man als Teil eines religiösen Zitats kennt, aber im Alltag immer seltener erfährt:
Das Prinzip Geben.
Und zwar nicht als Beschreibung der fragilen Balance von Geben und Nehmen, die nach der herrschenden Marktlogik eh nur in vormodernen Gesellschaften existierte.
Für mich trifft der Ausdruck Geben und Bekommen besser, denn er impliziert nicht den Zwang oder die gegenseitige Verpflichtung, etwas zurückgeben zu müssen. Sondern etwas zurückgeben zu wollen.
In diesem Sinn war das gesamte Porkcamp ein einziges Plädoyer für Großzügigkeit.
Da hat uns Florian eine grandiose Idee geschenkt und das ganze Event auch noch ins Rollen gebracht. Da hat uns die Familie Hesterberg eine Location zur Verfügung gestellt, die nicht hätte perfekter sein können. Da hat uns die Hesterberg-Mannschaft eine Unterstützung gewährt, die weit über das hinaus ging, was man hätte erwarten dürfen. Da haben sich selbstlose Schweinekapitäne zusammengefunden und uns Rezepte, Anleitungen und tätige Hilfestellungen beschert, ohne die ein Porkcamp nicht möglich gewesen wäre. Da haben sich professionelle Köche gefunden, die freigiebig vieles von dem Wissen gegeben haben, das sie gelernt und erfahren haben.
Es gibt so viele Dinge, die man aufzählen und würdigen könnte: Wie reibungslos die Teams zusammen gearbeitet haben, wie sie sich selbst in einer vollbesetzten Küche rücksichtsvoll umeinander bewegten, wie sie ganz nebenbei Tricks und Kniffe weitergaben, sich Team-übergreifend unterstützten.
Überhaupt, die Arbeit in dieser wunderbaren Atmosphäre aus Spaß, Können und Experimentierfreude, die getragen war von Verantwortung, Achtung und Respekt - einer Atmosphäre, die nicht zwangsläufig entstehen muss, wenn sich Menschen mit der gleichen Leidenschaft zusammenfinden…. eine Aufzählung fände einfach kein Ende.
Von allem konnte man nehmen, was man wollte, es wurde einfach nicht weniger. Wohin man auch schaute, überall gab es mehr Geben als Nehmen.
Selbst dann, wenn man selbst zum Geber wurde, weil man zum Beispiel ein Stück vom Pie, an dem man mitgearbeitet hatte, mit anderen Porkcampern teilte:
Sofort kam sichtbare Freude übers Gelingen zurück, man wurde mit kritischen Würdigungen bedacht, mit kenntnisreichen Beschreibungen von Geschmack und Konsistenz überschüttet - so viel Lob, wie man für ein Stück Pie bekam, konnte man gar nicht annehmen.
Im Endeffekt habe ich so viel Porkcamp bekommen, dass ich wohl noch wochenlang davon zehren werde.
Und wenn Geben seliger ist als Nehmen, dann hätte ich jetzt eine plausible Erklärung dafür, warum ich seit dem Porkcamp dermassen selig bin. Und warum es so schnell nicht enden wird.
Für so eine Erfahrung kann ich gar nicht dankbar genug sein.
Mirko von Wertekoeche via Valentin Heyde.
Der Wolf im Mettpelz. via fra.nk