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26Jan2010

Brian Melican: Porkcamp

“Also, das will ich vorneweg mal ganz klar gesagt haben: Wenn das Schwein hängt, ist es schon tot. Die Stromdosis ist so berechnet, das  der Gehirntot bei einem durchschnittlichem Gewicht garantiert eintritt. Es ist aber so, dass der Körper sich noch bewegt und das Sie sogar den Eindruck haben werden, das Tier würde nach Luft schnappen. Das sind aber alles Reflexe.”

Herr Steinicke holt kurz Luft und – als ob er uns die aufwallende Frage dem Gesicht schon abgelesen hätte – führt fort.

“Nun werden Sie mich sicher fragen, warum wir denn nicht einen kleinen Augenblick warten. Folgendes: Wir müssen von diesen letzten Reflexen Gebrauch machen. Das Herz schlägt noch nach dem Gehirntod, also wollen wir da so schnell wie möglich die Kanüle in die Halsader stechen – dann blutet das Tier schnell aus und wir können es schneller bearbeiten.”

Wir schauen uns alle an. Wir sind sechs und bilden die letzte Gruppe von der Porkcamp-Besatzung. Wir haben uns fast alle erst gestern beim Grühnkohlessen kennengelernt und jetzt werden wir an diesem kalten Samstagmorgen etwas durchleben, wovor sich die meisten Menschen drücken würden.

In diesem Raum sind heute Morgen schon fünf Schweine geschlachtet worden: Das sehen wir und riechen wir. Der Geruch ist nicht zum Erbrechen, es ist nicht ein “Todesgeruch” wie man sich das vielleicht vorstellt. Vielmehr riecht es nach… naja, wonach? Nach Tier, sicherlich, ganz wie im Stall. Dann nach Blut, so ein bisschen. Und dann nach irgendetwas.

Wir schauen uns das Schwein an. Schlachtgewicht von ungefähr 90 kg, sichtbar gute Muskulatur – und sehr süße Augen. Es schnüffelt hinter der niedrigen Schranke am Boden herum. Ich will ihm einmal in die Augen geschaut haben. Es merkt mich, blickt zu mir hinauf, und schnüffelt dann weiter. Es sieht niedlich aus, aber das rührt mich nicht so viel, wie ich erwartet hatte. Ich muss da schon eine Art mentale Schutzschranke errichtet haben, die Niedlichkeit im optischen Nerv irgendwo vor den Gehirnrezeptoren stoppt.

“Warum ist es so ruhig?” frage ich den Herrn Steinicke. “Seine ganzen Kumpels sind alle in den letzten zwei Stunden in diesem Raum abgeschlachtet worden. Es gibt einen Eimer voll Blut und so einige Flecken auf dem Boden. Ich meine… Kann es nicht riechen?”

“Das weiß ich nicht. Allerdings ist für mich klar, dass es der Geruch - der ihm wohl unbekannt ist - nicht mit seinem eigenen Tod in Verbindung bringen kann. Außerdem wurden sie alle schon gestern hier eingetrieben. Das heißt, sie haben sich an ihre Umgebung gewohnt. Und natürlich war es noch hinten, als wir die anderen Schlachtungen durchgeführt haben. Das Tier ist also nicht gestresst.”

Dann geht der Steinicke und ein anderer Mitarbeiter kommt von hinten in den Pferch hinein. Oben an der Wand sind Stromzangen. Unauffällig greift er zu ihnen und wartet auf den richtigen Moment, die anzubringen. Das Schwein interessiert sich aber weiterhin sehr für den Betonboden und folgt unbekümmert und willkürlich seinem Riecher. Resultat: Ein absurd wirkender Balletttanz, bis es endlich so weit ist, dass er dem Tier die Zangen vernünftig anbringen kann.

Von dort an geht alles sehr schnell. Das Tier schließt die Augen, zittert und grinst, und dann läutet ein Hupen wie in irgendwelcher Spielshow: Game over. Unser Schwein liegt nun am Boden und es sieht aus, als ob sein letzte Anstrengungen der Flucht gewidmet waren: Die Beine bewegen sich, als ob das Tier versuchen würde, wegzulaufen. Das bereitet unserem Schlachter ein kleines Problemchen: Er will nämlich das Tier an den hinteren Pfoten hochziehen. Ihm gelingt es aber ziemlich schnell, die Schellen hinten anzubringen und schnurstracks hängt das noch röchelnde Tier Fuß über Kopf von einer Schiene an der Decke. Das Tor wird geöffnet und das Schwein über dem Eimer stationiert. Die Kanüle wird in die Halsader geschlagen und das Blut kommt rausgepumpt. Es dampft. Wir haben nämlich an diesem frühen Morgen draußen locker -10, und diese klinischen-kühlen gekachelten Räume werden natürlich nicht geheizt.

Das tote Schwein hängt nicht lange. Der Schlachter wartet, bis das Blut raus ist (“so ungefähr 2 Liter im Schnitt, dann gibt es noch so einiges, das natürlich irgendwo im Körper bleibt”) und dann wird das Tier in eine Entborstungsmaschine geschoben. Das ist im Grunde genommen eine heiße Dusche mit Gummistoffbürsten, die den Körper abstreifen. Das Schwein wird vom Schlachter reingeschoben und die Decke wird zugeschlossen. Die Maschine sieht aus, wie eine Sonnenbank in einem Horrorfilm oder Alptraum aussehen könnte. Sie wird angeschaltet und wir hören, wie das Schwein drinnen herumgeschleudert wird. Der Abfluss ist in den ersten Sekunden sehr rot, dann kommen Borsten raus.

Das war der Geruch gewesen: Fell, Haare, Borsten, alles gewaschen und leicht verbrannt wie beim Friseur.

Das Schwein kommt nackt und weiß raus, schwitzend wie ein fetter Tourist auf Malle. Die letzten Borsten werden manuel abgebürstet, die wirklich hartnäckigen dann mit einem Bunsen abgeflämmt. Dann klopft der Schlachter die Hufe ab und greift zum Messer. Hier werden schon die Ohren entfernt, dann die Augen. Jetzt muss zum ersten Mal ein Gruppenmitglied weggucken: Das mit Blut sei alles irgendwie sehr abstrakt, sagt er, aber das mit den Augen könne er irgendwie zu dolle nachvollziehen.

Dann wird das Schwein wieder aufgehängt, Beine gespreizt, und das kleine Messer muss dem Größeren weichen. “Es sieht leicht obszön aus”, sagt der eine, “dieses Weiße, Schwitzende, Fleischige”. Das stimmt: Die fetten, Elfenbein-weißen Schenkel erinnern flüchtig an die Sexualität des achtzehnten Jahrhunderts, zumal ähnliche Maschinerie bei Sade anzutreffen ist. Dieser Eindruck hält aber nicht an.

Oben wird der Einschnitt gemacht. Unser Schlachter – Detlef heißt er, haben wir während der Entborstung erfahren – öffnet das Schwein und gibt uns eine kurze Biologieunterricht. Die Blase und die Geschlechtsteile werden als erste entfernt. Dann kommen die Panzen – ein einziger Schlamassel - raus. Sehr schnell wird es aber übersichtlicher. Er holt die Leber, Lungen und Herz zusammen raus und hängt die anhand der Speiseröhre und Bronchen am Haken auf. Da kenne ich mich wieder aus; so mache ich das immer mit den Kanninchen vom Schlachter. Die kommen nämlich immer ohne Fell, ohne Panzer und sonst was, aber mit den Innereien, die man noch so essen kann.

*

Es ist Samstagabend. Der restliche Verlauf des Tages hat sich immer mehr meinem normalen Samstagablauf geähnelt: Es wurde gekocht, gelacht, schon ein bisschen früher als sonst ein Bier getrunken. Der Tag drehte sich darum, wie welches Essen organisiert werden soll, z. B. wer wann den Calenberger Pannenslag (Rezept demnächst) rühren wollte, damit sonst Toilettengänge und Zigarettenpausen eingeplant werden konnte; oder welche Teller für welchen Gang zu nehmen wären. Bei mir ein normaler Samstag, wenn schon etwas größer angelegt, zugegebenermaßen.

Der Abend ist dann auch ein Klassiker. Gut gegessen und dann los in eine Kneipe. Nun hat Neuruppin, ein nettes Städtlein bei Berlin, nicht wahnsinnig viel zu bieten und vier von uns befinden uns letztendlich in einem leeren Lokal, das den Status Restaurant vielleicht vor einigen Jahren noch angestrebt hat, das aber jetzt um 22:00 schon völlig leer ist. Selbst das Aquarium – ein eingebautes Teil eingerahmt in braunem Kunstholz – ist ohne Fische.

“Also, für mich”, sage ich nach dem zügigen Verzehr des ersten Komponentes eines Herrengedeckes in die Runde, “war diese Maschine die Grenze. Zwischen dem Stromschlag und der Maschine war es noch… totes Tier. Nach der Maschine war es irgendwie halt Fleisch.”

Wolfgang stimmt zu: “Ja, ohne Borsten ist das Schwein… naja, meat.”

Interessant, dass die Deutschen am Tisch um Wörter ringen, um das Tier von dem Fleisch abzugrenzen: Schwein/Schweinefleisch ist jetzt für uns, die wir uns das angesehen haben, eine unklare Trennung insofern, als die Wörter die eine Silbe immer noch gemeinsam haben.

“Ja, im Englischen natürlich würde ich sagen, vor der Maschine war es noch ein pig und danach war es schon pork.”

“Da hat es der Englisch-Sprechende leichter, oder? Für uns ist Schweinefleisch immer noch Schwein, Rindfleisch kommt halt vom Rind, und so weiter.”

“Klar. Das ist der Einfluss des Französischen. Die Bauern, die damals die Tiere hielten, nannten sie beim germanischen Namen; Der Adel, der das Fleisch verzehrte, griff oft auf das Französische zurück. Aber ist irgendwie sprachlich nicht gut, wie ich finde. Schweinefleisch kommt halt vom Schwein, und die Wörter, die wir benutzen, sollten das nicht allzu sehr verhüllen.”

via Melican’s Kitchen